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Der Fachtag fällt aus, die Fragen bleiben - Zur Absage unseres Fachtags zu diskriminierungssensiblem Wohnen

Am 16.10.2026 hätte der Fachtag „Sicheres wohnen – für wen? Diskriminierungssensible Zugänge zum Wohnen für QTI*BIPoC“ stattfinden sollen. In den letzten Jahren kamen Ratsuchende sehr häufig in Wohnungsnot zu uns. Angefangen bei der Unterstützung zur Suche grundsätzlich, dann in der angemessenen Unterbringung für geflüchtete Personen, wegen diskriminierender Gewalterfahrungen durch Nachbar*innen, bis hin zum dringenden Bedarf nach Schutzwohnungen. Kaum ein Beratungsfeld ist für uns so schwer zu bearbeiten wie der Zugang zu Wohnraum. Studien und Umfragen zeigen, dass die häufigsten diskriminierenden Erfahrungen bezüglich Wohnräumen vor allem aufgrund von Rassismus und Queerfeindlichkeit stattfinden. ¹ ²

Ohne Orte wie z.B. die Schlafplatzorga, QUEERHOME* oder Housing First Queer hätten viele unserer Ratsuchenden ihre Nächte auf der Straße verbringen müssen. Aber auch das ist lange nicht ausreichend. Die Kapazitäten dieser Projekte reichen bei Weitem nicht aus, um den Bedarf zu decken. Die prekäre Wohnlage in Berlin ist seit vielen Jahren bekannt und kein neues Thema. Die Wohnungskrise trifft viele, für QTI*BIPoC verschärft sie sich durch Mehrfachdiskriminierung. Kleine queere und BIPoC Organisationen haben wenig bis kaum Zugriff auf den Wohnungsmarkt. Eine Schutzwohnung, ein Hausprojekt oder eine Wohngemeinschaft für QTI*BIPoC ist eine Zukunftsvision, die aktuell weiter weg denn je erscheint. Wir haben uns überlegt: Was können wir tun, als Organisation, um das Ohnmachtsgefühl sowohl als Beratende als auch für die Ratsuchenden zu senken und welche Chancen und Strategien gibt es an dieser Stelle? Wie können wir Wohnraumvermittelnde und -versorgerinnen weiter in Bezug auf die Bedarfe von QTI*BIPoC sensibilisieren und somit langfristige Zugänge schaffen?

Gemeinsam wollten wir an diesem Tag mit Fachkräften zusammenkommen, um über Möglichkeiten, Erfahrungen und konkrete nächste Schritte zu sprechen. Dass es einen großen Bedarf für einen solchen Austausch gegeben hätte, ist aus unserer Beratungspraxis und Gesprächen in unseren Netzwerken gut belegt.

Umso ernüchternder war die geringe Zahl an Anmeldungen für den Fachtag. Nach einem lange vorausgegangenen Save the Date, mehrerer Erinnerungseinladungen, nach Appellen in den Netzwerken, haben wir entschieden, den Fachtag abzusagen. Wir verstehen die geringe Resonanz auch als Ausdruck eines strukturellen Musters: Bedarfe von QTI*BIPoC werden weiterhin nicht priorisiert, nicht ernstgenommen, und fallen damit wiederholt hinten runter. Wir sehen eine große Gefahr darin, dass die Erfahrung an dieser Schnittstelle immer nur als Randthema behandelt wird. Wir beobachten hier eine historische Kontinuität. GLADT wurde genau aus diesem Grund gegründet: Damit die Erfahrungen von Queerfeindlichkeit und Rassismus nicht als getrennte Themen behandelt werden oder gar nur als Randthemen begriffen werden.

Für uns entstehen aus dieser Absage ganz konkrete Fragen für unsere Sensibilisierungsarbeit: Welche Spielräume haben Fachkräfte – vor allem jene, die selbst (mehrfach)marginalisiert sind – angesichts von Kürzungen, Personalmangel und hohen Beratungsbedarfen überhaupt für Fortbildungen und Austausch? Und wie sehen Formate aus, die zu den realen Arbeitsbedingungen passen? Wer entscheidet in Trägern, öffentlichen Institutionen und Wohnungsunternehmen, welche Themen als Kernthemen gelten und welche nicht? Wie verankern wir eine diskriminierungssensible Wohnungsversorgung verbindlich? Und welche Verantwortung tragen Fördergeldgebende darin, dass solche Angebote angenommen werden?

Wir setzen unseren Fokus nun weiter auf die Stärkung unserer Communities und gleichzeitig prüfen wir, in welchen Formaten Sensibilisierung von Fachkräften wirksam sein kann. 

Wir möchten uns an dieser Stelle bei allen Mitwirkenden bedanken, die sich an der Gestaltung des Fachtags beteiligt haben. Dazu gilt unser Dank allen, die sich für den Fachtag angemeldet haben und dabei sein wollten. Die Fachtag-Absage ist für uns kein Schlusspunkt, sondern ein Anlass, strukturelle Unmöglichkeiten zu benennen und Verantwortung klarer zu verteilen. Wir laden Fachkräfte und Träger ein, Sensibilisierung zu sich ins Haus zu holen, und kommen dafür gern mit Formaten, die zu euren Arbeitsbedingungen passen, zu euch. Wohnungsunternehmen und Vermieter*innen, die Wohnraum diskriminierungssensibel vergeben wollen, können sich jederzeit an uns wenden. An Verwaltung und Fördermittelgebende richten wir die Bitte, Sensibilisierung im Wohnbereich stärker strukturell und verbindlich mitzudenken, etwa durch Fortbildungspflichten oder Kriterien bei der Vergabe von Mitteln. Und wir bitten alle, Initiativen wie die Schlafplatzorga, QUEERHOME* und Housing First Queer zu unterstützen, die heute auffangen, was strukturell fehlt.

Sicheres Wohnen für QTI*BIPoC ist ein Grundbedürfnis. Das darf kein Randthema bleiben – es ist eine gemeinsame Aufgabe.

Quellen:

[1] Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) (2025): Gewohnt ungleich. Rassismus und Wohnverhältnisse: NaDiRa-Monitoringbericht mit Schwerpunkt Wohnen. NaDiRa-Monitoringbericht, Berlin: Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM)

[2] Fair mieten – Fair wohnen. Berliner Fachstelle gegen Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt (2019): Themenheft: Queer Wohnen in Berlin, URL: https://www.antidiskriminierungsstelle.gov.de/SharedDocs/downloads/DE/praxisbeispiele/berlin-broschuere-fachdialog-queer-wohnen-berlin.pdf?__blob=publicationFile&v=1