Donnerstag, der 25. Juli 2019

Statement zu Pride 2019

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GERMAN

Statement zu Pride 2019

Vor 50 Jahre fanden die Stonewall Riots statt. Vor 50 Jahren sind in der USA viele von denen, die vor uns kamen, aufgestanden und zeigten der Welt, dass sie genug hatten. Vor 50 Jahren haben diejenigen, die vor uns kamen deutlich gemacht, wie der Nationalstaat und seine Gewalt als Paradoxon dafür stehen, was echte queere Befreiung wirklich bedeutet.

Während hier in Europa die Legalisierung der Homoehe in vielen europäischen Ländern wie Deutschland und Großbritannien als fortschreitende Befreiung begrüßt wurde, gibt es hier in Europa ein eindeutiges Paradoxon zwischen dem Staat und seinen Bürgern. Dieser Widerspruch ist die Forderung heteronormative, neoliberale, patriarchalische Werte und gleichzeitig die Menschen zu marginalisieren, die nicht in diese Norm passen. Der Nationalstaat muss geschützt werden, um zu existieren. Der Nationalstaat braucht einen „Anderen“, um seine Existenz zu legitimieren. Der Nationalstaat muss gewalttätig sein, um zu sichern, was in seine Norm passt. Um zu existieren muss der Nationalstaat sein Image als moderne, vorwärts gerichtete, progressive Supermacht perfektionieren, während er alles andere als rückständig markiert. Um zu existieren braucht der Nationalstaat die Anpassung an die Kernfamilie. Um zu existieren hält es der Nationalstaat für nötig, seine neu befreiten weißen Schwulen vor dem „homophoben Migranten“ zu schützen. Um zu existieren braucht der Nationalstaat Profit, Ausbeutung und sinnlosen Konsum.

Während also andere heute von 50 Jahren Stonewall profitieren, sind wir heute zusammengekommen, da für uns diese 50 Jahre dafür stehen, wie global Menschen unserer Gemeinschaften immer noch ständig und systematisch leiden. Wir sind hier, weil wir frustriert sind. Wir sind hier, weil wir müde sind. Wir sind hier, weil der Kampf für uns nie vorbei war. Wir sind hier, weil die Normalisierung der weißen, cis-heterosexuellen und patriarchalen Standards hier im Westen und in Europa, auf gewaltvolle Art rassistisch, gewalttätig anders und schädlich für die Menschen unserer Gemeinschaft sind. Wir sind hier, weil Pink-Washing hässlich ist. Wir sind hier, weil wir kein zu vermarktendes Produkt sind, sondern echte Menschen mit Emotionen und Gefühlen. Wir sind hier, weil wir nicht wollen, dass unser Körper als Vorwand benutzt wird, um die Gewalt anderer zu legitimieren. Wir sind hier, weil wir an das Bessere glauben. Wir glauben an einen Standard, der besser ist als der, der um uns herum normalisiert wird.

Und wir sind hier, weil wir uns um unsere Zukunft kümmern. Wenn die Leute uns sagen, dass es größere Probleme als die queere Befreiung gibt, auf die wir uns konzentrieren sollten, dann sagt ihnen, dass das Überleben und die Freiheit unsere Gesellschaft und Menschen von der queeren Befreiung abhängt. Das gleiche kapitalistische, neoliberale Projekt, das die Umwelt um uns herum zerstört, ist das, was uns selbst auch zerstört. Es zerstört unsere Menschlichkeit, unser Mitgefühl und unsere Fürsorge. Es verwandelt Liebe in Gewinn. Es verwandelt Menschen in Marken. Dieses zerstörerische Projekt erhebt seinen hässlichen Kopf durch den Nationalstaat, durch Polizeibrutalität und Gewalt, durch die Überzeugung, dass diejenigen, die Privilegien haben und bequem leben können, davon überzeugt sind, dass dies einfach „der beste Weg“ ist. Es schafft eine Gesellschaft von Menschen in Machtpositionen, eine Gesellschaft von Menschen, die über Handlungskompetenz verfügen, da sie das Privileg haben, gehorsam zu bleiben. Es unterzieht uns einer Gehirnwäsche Kompliz_in davon und apathisch zu sein, nicht nur anderen Menschen in unseren eigenen Gemeinschaften, sondern auch gegenüber der Welt um uns herum. Das ist nicht der „beste Weg“. Es ist hässlich und destruktiv, und um ehrlich zu sein, sind wir viel besser als das.

1973 in der USA, 4 Jahre nach den Unruhen in Stonewall, stand Sylvia Rivera, eine trans-Frau of Color, bei einer Kundgebung für Homosexuelle Rechte auf und rief aus, wie sie den ganzen Tag darum gekämpft habe auf die Bühne kommen zu können, für „deine queeren Brüder und deine queeren Schwestern im Gefängnis“. Es ist fast 50 Jahre her, dass Sylvia dann darüber sprach, wie ihre queeren Brüder und Schwestern “mir jede Woche schreiben und um deine Hilfe bitten“. Es ist 50 Jahre her, seit sie erklärte, dass „ihr alle nichts für sie tut.“ Sie fragte: „Bist du jemals im Gefängnis geschlagen und vergewaltigt worden? Hast du etwas für sie getan?“ Es ist fast 50 Jahre her, seit sie bei einer Kundgebung zu Schwulenrechten aufgestanden ist und ausgebuht wurde, bei dem Kampf darum, auf der Bühne darüber sprechen zu können, dass sie geschlagen wurde, dass ihre Nase gebrochen wurde, dass sie ins Gefängnis geworfen wurde, dass sie ihren Job verloren und ihre Wohnung verloren hatte – für eine queere Befreiung. Es ist fast 50 Jahre her, dass sie darum kämpfte, überhaupt an das Mikrofon zu kommen. Sie schrie und verlangte, dass „ihr alle besser ruhig seid“, nur damit sie das Wort habe, um der Menge vom Kampf ihrer, vor allem trans-Brüder und -Schwestern zu erzählen.

Lasst uns also heute den Menschen, die vor uns mit ihrem Leben gekämpft haben, Respekt entgegenbringen, indem wir uns der Herausforderung stellen und das Mikrofon noch einmal nehmen, solange wir noch unsere Stimmen haben. Lasst uns den Menschen, die jeden Tag mit ihrem Leben kämpfen, Respekt dadurch zeigen, dass wir uns der Herausforderung stellen. Lasst uns für diejenigen eintreten, die ständig sprachlos gemacht werden und keine Unterstützung erfahren, indem wir uns der Herausforderung stellen. Seien wir nicht nachgiebig und mitschuldig und apathisch gegenüber der Gewalt um uns herum. Wir sind besser als das. Pride ist politisch.

 

ENGLISH

Statement on Pride 2019

It has been 50 years since the Stonewall riots. It has been 50 years since in the US, many of those that came before us stood up and showed the world that they had had enough. It has been 50 years since those that came before us highlighted how the nation-state and its violence stands against what true queer liberation really means.

And here in Europe, while the legalization of gay marriage in many European countries such as Germany and the UK have been hailed as liberating progresses, there is a clear paradox between the state and its people. There is a clear paradox between the demand to assimilate and adhere to heteronormative, neo-liberal, patriarchal values, whilst simultaneously marginalizing the people who do not fit into this norm. The nation-state needs to be protected in order to exist. The nation-state needs an “other” in order to legitimize its existence. The nation-state needs to be violent to what doesn’t fit into its norm, in order to exist. The nation-state needs to perfect its image as a modern, progressive super-power, while othering everything else as backwards, in order to exist. The nation-state needs assimilation to the nuclear family in order to exist. The nation-state needs to protect its newly liberated white queers against the “homophobic migrant” in order to exist. The nation-state needs profit, exploitation and mindless consumption in order to exist.

So, while others today are out commercializing and profiting off of 50 years of Stonewall, we have come together today, because for us, 50 years marks how globally, people within our communities are still continually and systematically suffering. We are here, because we are frustrated. We are here, because we are tired. We are here, because the fight never was over for us. We are here, because here in Europe the white cis-hetero-patriarchal standards that have been normalized around us are violently racist, violently othering and violently damaging to the people in our communities. We are here because pink-washing is ugly. We are here, because we are not a product to be marketed, but real people with emotions and feelings. We are here, because we do not want our bodies to be used as an excuse to legitimize the violence against others. We are here because we believe in better. We believe in a standard that is better than the one that has been normalized around us.

And we are here, because we care about our future. When people tell us that there are bigger issues to concentrate on than on queer liberation, you go and tell them that survival and freedom depends on queer liberation. The same capitalist, neo-liberal project that is destroying the environment around us is what is destroying ourselves. It destroys our humanity, our compassion, and our care. It turns love into profit. It turns people into brands. This destructive project rears its ugly head through the nation-state, through police brutality and violence, through convincing those that do have privilege and can live comfortably that this is just “the best way”. It creates a society of people in positions of power, a society of people who have agency, who have privilege, to stay docile. It brainwashes us to be complicit and apathetic not just to other people within our own communities, but also to the world around us. This is not the “best way”. It is ugly and destructive, and to be honest, we are way better than that.

In 1973 in the US, 4 years after the Stonewall riots, Sylvia Rivera, a trans woman of color, stood up at a gay rights rally and exclaimed how she’d been fighting all day to just get on stage for “your gay brothers and your gay sisters in jail.” It has been nearly 50 years since Sylvia spoke about how her gay brothers and sisters “write me every week and ask for your help.” It has been 50 years since she explained how “y’all don’t do a goddamn thing for them.” She asked “have you ever been beaten and raped in jail? Did you do anything for them?” It has been nearly 50 years ago since she stood up at a gay rights rally and was booed, while she fought to get on stage to speak about she had been beaten, had her nose broken, was thrown in jail, had lost her job and her apartment, for queer liberation. It has been nearly 50 years since she struggled to even get to the mic. She shouted and demanded that “y’all better quiet down”, just so she could get a word in to tell the crowd about the struggle of her especially trans brothers and sisters.

So today let’s show the people that fought with their lives before us some respect by rising to the challenge and taking the mic, while we still have our voices. Let’s show the people who fight with their lives every day some respect, by rising to the challenge. Let’s stand up for those who are continually rendered voiceless and without agency some respect, by rising to the challenge. Let’s not be docile, complicit and apathetic to the violence around us. We are better than that. Pride is political.